Streitkultur

Hinter uns liegen ereignisreiche Tage, Tage in denen ein kürzlich erschienenes Gedicht des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass hohe Wellen schlug, auf nationaler wie internationaler Ebene. Auch ich hatte mich an dieser Stelle zu Wort gemeldet. In Hätte er besser geschwiegen? versuchte ich meine Eindrücke bezüglich der medialen Auseinandersetzung mit jenen kontroversen Zeilen, oder vielmehr mit deren streitbarem Verfasser, zu schildern. Die öffentliche Diskussion scheint sich seither etwas zu versachlichen. Fragen nach dem Inhalt, der Form, der Genauigkeit, der Qualität des Textes drängen in den Vordergrund, endlich möchte man hinzufügen.

Die vergangenen Tage waren zudem ungemein aufschlussreich. Sie verrieten viel darüber, wie in Deutschland öffentliche Diskussionen geführt werden und wer sie bestimmt. Die großen Verlagshäuser und Medienanstalten waren sich in diesem Fall sehr schnell einig in ihrer Bewertung. Leitartikel und -kommentare bestimmten den Ton der Auseinandersetzung, und der war zunächst wenig sachlich bis verletzend.

Interessanter als die offiziellen Stellungnahmen dieser ‘Leitmedien’ waren die zahlreichen Kommentare der Leser, normalerweise nur Fußnoten die man aus Zeitmangel überliest (sie gingen teilweise in die Hunderte pro Artikel). In ihnen spiegelte sich die ganze Bandbreite inoffizieller (will sagen privater) Meinungen wieder. Auch die Bloggergemeinde beteiligte sich mit ausgewogeneren Beiträgen. Als Beispiel mag der sehr lesenswerte Artikel Sebastian Müllers: “Antisemitische” Fakten dienen. Erwartungsgemäß kam man auch hier auf keinen gemeinsamen Nenner, aber es wurde diskutiert, nicht nur diffamiert.

Diskussionen, also Streit in der Sache und das Ringen um Lösungen, sind was eine Demokratie ausmacht. Dabei sollte kein Thema ausgespart werden, auch keines das so heikel und sensible ist wie die bundesrepublikanischen Beziehungen zu Israel und dessen Aus- und Aufrüstung mit deutscher Hilfe (die Lieferung von mehreren U-Booten die als Trägersysteme für nukleare Sprengköpfe dienen können und sollen).

Streit braucht natürlich auch eine Kultur, eine Streitkultur. Es darf in Diskussionen nur um den vorgebrachten Gegenstand gehen, nicht um das Alter oder die Vergangenheit der Person, von der ihr Anstoß ausging. Davon ist das offizielle Deutschland in Form ihrer Medien scheinbar weiter entfernt als das inoffizielle. Aber wir sind auf dem Weg, hoffentlich.

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Filed under Democracy, Deutsch

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